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Vorwort zum 16. Jahresbericht 1989/90



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Dr. Herwig Reidlinger


Das Gedenkjahr 2039


14. April 1988

Mit dem Raerener Kinderchor aus Belgien, der Gast unserer Schule war, fuhren wir nach einer Stadtbesichtigung von Retz zur tschechoslowakischen Grenze bei Mitter-Retzbach. Die Straße endete dort an einer Sperre. Einige hundert Meter weiter auf dem Gebiet unseres Nachbarlandes sah man einen Wachturm und Scheinwerferanlagen die einen Grenzübertritt unmöglich machen sollten. Wir erzählten unseren Gästen, daß in der Tschechoslowakei jede Opposition zum kommunistischen Regime brutal unterdrückt wurde, daß Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung Charta 77 unter ihnen der Schriftsteller Václav Havel eine Gefängnisstrafe hatten verbüßen müssen und daß Initiatoren einer Unterschriftenaktion für Religionsfreiheit vor Gericht gestellt worden waren. Liberalisierungen, wie sie aus der Sowjetunion berichtet wurden, schienen hier undenkbar.

6. und 7. November 1989

Der Ostberliner Graphiker Wolfgang Janisch hatte nach einjährigem Bemühen ein Ausreisevisum für Osterreich erhalten und im Erzbischöflichen Seminar Hollabrunn eine Ausstellung seiner Arbeiten eröffnet. Unsere Schule hatte ihn zu einer Diskussion mit Schülern der 7. und 8. Klassen eingeladen. Die Ausreisewelle aus der DDR machte in diesen Tagen Schlagzeilen. Niemand konnte jedoch ahnen, daß zwei Tage später die Berliner Mauer bereits gefallen war.

23. Dezember 1989

Bei einer Exkursion standen wir wieder an der Grenze in Mitter-Retzbach. Diesmal waren alle Schüler des Aufbaugymnasiums dabei, der Ort war aber kaum wiederzuerkennen: Straßensperre und Wachturm waren verschwunden. Wenige Tage zuvor war die kommunistische Regierung der Tschechoslowakei zurückgetreten, und es war hier ein neuer Grenzübergang eröffnet worden. Nach der Freilassung aller politischen Gefangenen mehrten sich die Stimmen, die sich für die Wahl von Václav Havel zum tschechoslowakischen Präsidenten einsetzten.

Ein tschechoslowakisches Auto fuhr an uns vorbei nach Österreich. Die Insassen freuten sich sichtlich, ihrem Nachbarland einen Besuch abstatten zu können und schenkten uns Schokolade. Da wurde uns erst bewußt, wie sehr uns diese Entwicklungen überrascht hatten, und daß wir nicht einmal wußten, was „Danke“ auf tschechisch heißt.

17. Juni 1990

Wieder sind ausländische Schüler Gast unserer Schule. Diesmal kommen sie jedoch aus Horovice bei Prag. Sie haben bei den Familien unserer Schüler oder im Erzbischöflichen Seminar übernachtet. Beim Seminarfest singen sie Volkslieder und zeigen Vokstänze ihrer Heimat. Da einige Lehrer an einem Tschechischkurs teilnehmen, können wir sie mit den Worten „Na shledanou“ („Auf Wiedersehen“) verabschieden.

Die oben angeführten Ereignisse sollen nur schlaglichtartig die weltpolitischen Veränderungen des vergangenen Schuljahres, die bis in unseren Schulalltag spürbar waren, beleuchten. Das Jahr 1988 einerseits und das Schuljahr 1989/90 markieren aber noch einen anderen Gegensatz. 1988 waren Schüler und Lehrer durch Befragung von Zeitzeugen bemüht, die nationalsozialistische Machtübernahme im Jahre 1938 zu erforschen und das Verhalten der daran beteiligten Personen kritisch zu hinterfragen. Plötzlich sind wir selber zu Zeitzeugen und zu Mitgestaltern einer neuen Geschichtsepoche geworden. Es ist nicht undenkbar, daß wir im Jahr 2039 nach unserer Rolle vor 50 Jahren gefragt werden. Werden wir ohne zu Erröten darauf Antwort geben können?


In den Sommerferien und zu Beginn des heurigen Schuljahres konnte der Umbau der Bibliothek abgeschlossen werden. Im nächsten Schuljahr soll mit der Katalogisierung der vorhandenen Bücher und mit dem Vollausbau zur Schulbibliothek begonnen werden. Für Physik wurden Schülerversuchsgeräte angekauft und im Unterricht bereits eingesetzt. Schließlich machte das EDV-Zeitalter vor dem Konferenzzimmer nicht halt, da auch für die Lehrer ein Computer angekauft wurde. Diese Anschaffungen waren nur durch finanzielle Unterstützung der Erzdiözese Wien und des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Sport möglich, bei denen ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte.

Zwei Jahre lang war Penny Lee Colbert als Austauschassistentin an unserer Schule tätig. Sie ist in diesen Jahren Schülern und Lehrern ans Herz gewachsen. Ihren besonderen Einsatz hat auch der Landesschulrat für Niederösterreich gewürdigt, indem er ihr als erster Austauschassistentin überhaupt „Dank und Anerkennung“ausgesprochen hat.

Dank sagen möchte ich auch für die gute Zusammenarbeit mit den vorgesetzten Schulbehörden, mit den Eltern, mit dem Eb. Seminar und mit den anderen Hollabrunner Schulen.


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