The Art of Debate
aus LES, der Lehrer-Eltern-Schüler-Datenbank des Real- und Aufbaugymnasiums Hollabrunn
A workshop by Nick Allen.
Beschreibung
Zunächst die Beschreibung des Workshops von Nick Allen:
In den vergangenen Jahren hat: sich die politische Landschaft in Österreich total verändert. Der Nachkriegskonsens ist einer eher der europäischen Norm ensprechenden Bereitschaft zu wechselnden Mehrheiten gewichen. Da die Gefahr einer Polarisierung unausweichlich mit gewachsen ist, tragen alle Beteiligten eine erhöhte Verantwortung, um dafür zu sorgen, dass der gegenseitige Respekt bei aller Gegnerschaft erhalten bleibt. Positiv zu bewerten ist, dass in der Bevölkerung eine politische Sensibilisierung stattgefunden hat, und dass das allgemeine politische Bewusstsein gestiegen ist.
Erfahrungsgemäß zählen die jungen Österreicherinnen und Österreicher zu den bestgebildeten jungen Menschen Europas. Im Allgemeinen können sie sich aber weniger gut artikulieren als vergleichbare junge Menschen in England oder in den USA. Nachdem diese es sind, die in den kommenden Jahren auch die politische Bühne nach und nach besetzen werden, betrachte ich es als wichtig, diesem Manko entgegenzuwirken, damit sie mit Verantwortung und Können diese Aufgabe erfüllen. Eine hohe Disputkultur ist Voraussetzung, denn das Wort ist und bleibt die gefährlichste Waffe im menschlichen Arsenal: einmal ausgesprochen, ist es nie wieder weg zu kriegen.
Es folgt ein kurzes, aber treffendes Zitat aus einem Artikel, erschienen im »Kurier« während des Frühjahrs 2002: „Der Einsatz der Sprache als Waffe ist vielleicht die auffälligste Entwicklung in der österreichischen Politik des letzten Jahres. Dass die Sprache nicht kommunikativ, zur Verständigung gebraucht werden kann, sondern vor allem zum strategischen Angriff, gehört offenbar zu Grundausbildung (der) Wortkrieger.“
Um so mehr wäre es also wichtig, die Diskussionskultur und -fähigkeit bei jungen Menschen zu pflegen. Aus diesen Gründen habe ich einen Workshop eingeführt, der, nach entsprechender Vorbereitung, eine formelle Debatte beinhaltet. Diese Form stammt noch aus dem alten Griechenland, hat eigene Spielregeln und wurde in meiner Schulzeit in England als Bestandteil einer »guten« Erziehung betrachtet. Auch wenn sogar in England eine Verrohung der politischen Kultur stattgefunden hat, sind einige Vergleiche erlaubt: Allein die Sitzordnung im ,House of Commons‘ gestattet seitens der Regierenden kein ,Obrigkeitsdenken‘, seitens der Abgeordneten keine Unterwürfigkeit, fördert eher ein miteinander Diskutieren und auch ein sich gegenseitig Zuhören! Spielregeln der Ansprache (3. Person, eine gewisse Distanz, der Ausdruck „This House is of the Opinion…“ sind bloß Beispiele) sorgen dafür, dass trotz aller Leidenschaft, dieser Respekt nicht verloren geht.
Die Qualität der Schulung, um im öffentlichen Disput bestehen zu können, lässt zweifelsohne zu wünschen übrig. Dabei wäre eine solche Schulung von eminenter Bedeutung. Es gibt praktische Aspekte: Deutlichkeit, Lautstärke, der Einsatz von Pausen, die Fähigkeit, frei, zumindest aber nur mit Notizen zu sprechen. (Harold Macmillan sagte einmal diesbezüglich: „Know what you are going to say, do not know how you are going to say it.“) Eine weitere Komponente ist die Fähigkeit, zu zu hören. „Nur wer das Gegenargument kennt und begreift, hat das Recht auf eine eigene, andere Meinung“ (Seneca). Das Zuhören, die Wahrnehmung der Meinung Anderer, ist leider eine rare Eigenschaft, eine, die aber gefördert werden sollte. Schließlich kann man auch lernen, Spielregeln einzuhalten.
Ablauf
i. Am Tag des Workshops gibt es eine einleitende Phase.
Begrüßung, Kennenlernen, Absichtserklärung, Organisation
Erklärung des Ablaufs, der „Spielregeln“ sowie der geschichtlichen Entwicklung
Besprechung über die Wichtigkeit des Zuhörens, die Fähigkeit, Reden zu können, wie und mit welchen Mitteln und Tipps (Tricks?) dies zu erreichen ist: Körperhaltung, Körpersprache, Augenkontakt, das Sprechen selbst, unter Einbeziehung aktueller und historischer Beispiele. Gesprächskultur, Höflichkeit, Wahrung der Form werden alle hier erwähnt.
ii. Nach einigem Experimentieren im vergangenen Schuljahr hat sich die folgende Variante als ideal erwiesen. Ich fungiere als »Mr. Speaker« und sitze am Kopf (wie Mr. Speaker im britischen Parlament). Die jeweils drei bis vier SprecherInnen nehmen links und rechts vor mir Platz, sitzen einander damit jeweils als »Front Bench« gegenüber. Hinter ihnen sitzen die »Abgeordneten« gleichmäßig auf beiden Seiten. Ihr Aufgabe als »Backbenchers« ist es, sich mit Statements, eigenen Ideen und Fragen an die SprecherInnen sowie aneinander auf die Abstimmung (sie erfolgt ohne Clubzwang) vorbereiten zu können. Die Debatte findet dann wie im House of Commons statt, sodass die »Backbenchers« von Anfang an mitmachen, wodurch die ganze Klasse bis inklusive Abstimmung gut eingebunden ist. Grundsätzlich sollte jede(r) »Abgeordnete« reden müssen.
iii. Mr. Speaker erklärt die Debatte für eröffnet, kündigt das Thema an und bittet die SprecherInnen alternierend – beginnend aber mit einem der Verteidiger des Motion vor der Versammlung Ihre Statements abzugeben. Diese sind kurz und stellen die Thematik bloß vor. Anscließend findet die Debatte statt, zwischen allen SprecherInnen und »Abgeordneten«. Spontaneität ist insofern garantiert, als alle auf die Argumente ihrer Vorredner reagieren sollen und werden. Auch die »Abgeordneten« müssen gut aufpassen und die jeweiligen Gegner werden, wenn sie eine ,Chance‘ haben wollen, es auch tun. Dreinreden, Zulässigkeit der Sprachform/Inhalt werden, im Streitfall von »Mr. Speaker« gemahnt, bzw. gestattet – die Form der Debatte hat immer höflich und geordnet zu sein, was der Intensität des Vortrags aber nichts anhaben soll.
iv. Zum Schluss überwacht »Mr. Speaker« eine Abstimmung unter allen Anwesenden, denn im britischen System können nur Abgeordnete auch Minister sein. »Mr. Speaker« verkündet das Resultat, ob „The Motion has been carried or rejected“. Das Haus spricht dann den ,GewinnerInnen‘ das Vertrauen aus.
Es folgt eine kurze Nachbesprechung.
Gesamtdauer des »Debate«: Drei Stunden.
